Ein Gespräch über die Hürden beim Hochschulzugang und die Unterstützung durch Mentoring-Projekte 

Von Sabine Zurschmitten, Co-Projektleiterin Perspektiven-Studium

Ich treffe Alida* und Lena* Ende August 2020 im Garten des Generationenhaus in Bern, wo sie mich bereits erwarten und auf einen Kaffee einladen. Die beiden Frauen um die dreissig treffen sich öfters an diesem Ort, um ihre Mentoring-Beziehung zu pflegen, Gespräche zu führen und Kaffee zu trinken. Sie scheinen sich blendend zu verstehen, wirken vertraut und lachen viel. So finden wir rasch den Einstieg in ein längeres Gespräch.  

Die Berufsbiografien der beiden Frauen sind nicht linear verlaufen. Lena ist Schweizerin, gelernte Köchin und studiert neben ihrer Arbeit Philosophie an der Uni Bern. Im Rahmen des Projekts «Offener Hörsaal», welches Schnuppersemester für studentische Geflüchtete an der Uni Bern organisiert, wurde sie die Mentorin von Alida. Auf meine Frage, warum sie sich neben Studium und Arbeit noch freiwillig für studentische Geflüchtete engagiert, meint Lena, «es ist eine super Gelegenheit auch einmal etwas zurückzugeben, weil ich in der Schweiz ohne grossen Aufwand zur Uni gekommen bin. Ich habe mich einfach angemeldet.»  

In den letzten Jahren hat Lena immer wieder gemerkt, dass Studieren keine Selbstverständlichkeit darstellt 

Für Menschen wie Alida sagt sie, bedeute ein Universitätsstudium in der Schweiz nicht einfach eine simple Anmeldung, sondern ein langer Weg.  

Alida stammt aus der Türkei, wo sie Jura studiert und mehrere Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet hat, bevor sie aus politischen Gründen vor gut eineinhalb Jahren in die Schweiz geflüchtet ist. Ihr Asylgesuch wurde rasch anerkannt. Bereits nach wenigen Monaten bekam sie einen B-Ausweis. Das ganze Asylverfahren ist reibungslos verlaufen, ausser dass sie fälschlicherweise ins Rückkehrzentrum Bözingen einquartiert wurde. In der armseligen Container-Siedlung zwischen Autobahn und Industriegebiet am Stadtrand von Biel leben abgewiesene Asylsuchende von 8 Franken Nothilfe pro Tag, isoliert und perspektivenlos. Sie hat zuerst nicht begriffen, dass da ein Fehler bei der Zuteilung passiert ist und lebte für vier Monate unter diesen widrigen Umständen. «Dort habe ich kein Wort Deutsch gelernt. Es war eine sehr schwierige Zeit», gesteht Alida ein. Heute wohnt sie allein in einer Wohnung in der Umgebung von Bern, versucht anzukommen, ihr Leben zu organisieren und Perspektiven zu entwickeln. Durch die Flucht erlebt Alida – wie viele andere hochqualifizierte Geflüchtete – einen totalen Statusverlust. Der Umgang mit dem durch die Migration bedingten beruflichen und sozialen Abstieg, auch als «Dequalifizierung» bezeichnet, erfordert ihr eine grosse Flexibilität ab. Damit Menschen wie Alida ihre Bildungsinvestitionen auch in der Schweiz nutzen können, sind grosse Anstrengungen nötig. Diese nützen aber wenig, wenn die strukturellen Bedingungen nicht gegeben sind.  

Ein grosses Hindernis dabei ist, dass der tertiäre Bildungsweg in der Integrationsagenda der Schweiz nicht explizit vorgesehen ist.  

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Die Behörden der Integrationsförderung verfolgen auch bei Geflüchteten mit einem akademischem Bildungshintergrund eine rasche Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Konkrete Förderangebote, die geeignet sind, Geflüchtete mit akademischem Bildungshintergrund an eine Tertiärbildung heranzuführen, fehlen weitgehend.  

Das bringt mich zurück zu Alida. Ihre Deutschkenntnisse sind nach der kurzen Zeit in der Schweiz erstaunlich gut. Sie ist bereits auf einem sehr guten B1 Niveau, obwohl sie vorher kein Wort Deutsch gesprochen hat. «Türkisch ist viel schwieriger als Deutsch. Ich mag Deutsch, weil es so eine mathematische Sprache ist», sagt sie, «aber ich habe noch sehr viel zu lernen und muss noch viel besser werden.» Obwohl Lena und ich ihre Deutschkenntnisse loben, ist Alida damit nicht zufrieden und entschuldigt sich ständig für ihr Deutsch. Alida hat nämlich andere Ambitionen: «Wenn ich an die Uni will, brauche ich mindestens ein B2 oder sogar ein C1 Deutsch-Zertifikat!»  

Die Sprachhürden für eine Zulassung an die Uni sind hoch – zu hoch. Diese Ansicht vertritt auch Lena und betont, dass in sehr vielen Studiengängen mittlerweile ein grosser Anteil der Lerninhalte in Englisch vermittelt würden. Sie führt dazu aus: «Es stellt sich hier schon die Frage, ob diese Sprachhürde so hoch gesetzt werden muss, vor allem wenn man dann bedenkt, dass zum Beispiel an der Uni Fribourg ein B2-Zertifikat ausreicht. Grundsätzlich sollten sich die Hochschulen vermehrt einsetzen, um den Zugang für Geflüchtete zu erleichtern.» Lenas Kritik ist mehr als berechtigt. So ist die Autonomie der Hochschulen beim Zulassungsverfahren bisher unangetastet. Die Hochschulen müssen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und sich als Orte der Integration verstehen. Es braucht angepasste Hochschulzugänge wie alternative Anerkennungsverfahren sowie die Entwicklung von spezifischen Vorbereitungsmassnahmen für Geflüchtete.  

Für die meisten Betroffenen gestaltet sich der Weg an die Uni steinig bis unüberwindbar, so auch für Alida. Ihr Jura-Diplom aus der Türkei ist noch im Prüfverfahren, hat aber wenig Chancen, in der Schweiz anerkannt zu werden. Während Alida bisher von ihrer Sozialberaterin sehr gut unterstützt wurde, fürchtet sie sich nun sehr vor dem anstehenden Wechsel zu einer anderen Person. Nach eingehender Diskussion kommen wir zum Schluss:  

Alles steht und fällt mit der zuständigen Case Manager*in! Zukunftsperspektiven sowie Ausbildungs- und Berufspläne können nur mithilfe dieser Schlüsselpersonen im Integrationsprozess realisiert werden. 

Dieser «grosse Hebel» von Case Manger*innen hat zur Folge, dass Betroffene einer gewissen Willkür ausgesetzt sind. Anders ausgedrückt, ob Alida nun einen Sprachkurs bis zum Niveau C1 bezahlt bekommt und ihrem Potential entsprechend gefördert wird, ist in hohem Masse von ihrer zukünftigen Case Manager*in abhängig. Der Wechsel beim Sozialamt verzögert bei Alida alles: Das Anerkennungsverfahren für ihre Diplome, die Aussichten auf die Bezahlung weiterer Sprachkurse bis zum erforderlichen Niveau für ein Studium und die Entwicklung von alternativen Berufsaussichten.  

In der Zwischenzeit hatte Alida über eine Freundin vom «Offenen Hörsaal» der Universität Bern erfahren und konnte im vergangenen Frühling ins Schnupperprogramm aufgenommen werden. Obwohl die beiden Frauen bestätigen, dass Projekte wie der «Offene Hörsaal» für den Prozess der Integration und das Abschätzen von Bildungschancen auf dem Tertiärweg «Gold wert sind», hatte Alida grosses Pech. Im vergangenen Frühling hatte sie gerade dreimal die Vorlesungen besucht, als die ganze Uni aufgrund des Corona bedingten Lockdowns auf Distanzunterricht umgestellt wurde. Diese Umstellung hat sie abgehängt und demotiviert. Vor Corona haben sich die beiden Frauen jede Woche getroffen, viel über das Studium und den Umgang mit praktischen Instrumenten gesprochen (wie belegt man einen Kurs, wie funktionieren Online -Lernplattformern etc.). Manchmal haben sie auch nur zusammen gekocht und sich über zahlreiche andere Dinge ausgetauscht. Dann stand plötzlich alles still. Während des Lockdowns haben sie nur gechattet und gezoomt. Seit Juni treffen sie sich wieder physisch. «Eigentlich sind alle deine Schwierigkeiten mit der Uni durch Corona noch grösser geworden. Die Integration ist schlechter, wenn alles digital ist», analysiert Lena Alidas Situation. Für studentische Geflüchtete ist der Austausch und die direkte Begegnung im Unialltag eine zentrale Voraussetzung, um sich an der Hochschule zu orientieren und zu integrieren.  

Das Schnuppern an der Uni Bern bietet Alida einen Zugang zur Uni und ist eine wichtige Erfahrung. Trotzdem gibt es keine Garantie, dass sie dadurch eine reguläre Zulassung für ein Studium erhält. Alidas grösster Wunsch ist es, eines Tages als Rechtsanwältin in der Schweiz arbeiten zu können:  

«Ich mag meinen Beruf sehr gerne. So möchte ich auch in der Schweiz wieder Jura studieren, aber das kommt nicht nur auf mich darauf an. Das ist alles sehr kompliziert!».  

Alida vermag ihre Berufschancen realistisch einzuschätzen und so sucht sie nach weiteren Optionen und erklärt mir gezielt ihren Plan: «Sobald ich genügend gut Deutsch kann, werde ich für alle Probleme eine Lösung finden können! Ich möchte arbeiten. In der Türkei habe ich gearbeitet und selbst mein Geld verdient. Ich mag es nicht, von anderen abhängig zu sein. Ich möchte selbständig sein. Wenn ich zum Beispiel als Zug-, Bus-, oder Tramführerin arbeite, muss ich keine lange Ausbildung absolvieren und kann gleichzeitig Jura studieren und mein Studium selbst bezahlen.» 

Alida hat gehört, dass die SBB und Bern Mobil immer wieder Leute suchen. Obwohl sie für diese Arbeitsbereiche eindeutig überqualifiziert ist, nimmt sie einen solchen Weg in Kauf, um ihr Ziel zu erreichen: Ein von der Sozialhilfe unabhängiges Leben zu führen und nochmals Jura zu studieren. Lena ermahnt Alida in diesem Zusammenhang: «Du musst unbedingt schauen, dass dich deine neue Sozialarbeiterin dann auch studieren lässt und dir nicht sagt, du musst jetzt unbedingt 100% arbeiten gehen. Das ist wichtig!» 

Anerkannte Flüchtlinge wie Alida sollen rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden. Ein Studium ist für sie nicht vorgesehen. Diese Tendenz zeigt sich in der Tatsache, dass Case Manager*innen hochqualifizierte Geflüchtete in der Regel nicht auf Studienmöglichkeiten hinweisen und die Angebote der lokalen Hochschulprojekte in Form von Schnuppersemestern meist nicht kennen.  

Es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, damit Menschen wie Alida ihr Potential ausschöpfen, eine für sie interessante Ausbildung absolvieren und eine qualifizierte Arbeit finden können. Deshalb lancierte Perspektiven Studium gemeinsam mit der Gewerkschaft VPOD und der Menschenrechtsorganisation Solidarité sans frontières am 1. Oktober die Kampagne Bildung für alle – jetzt! und die Petition «Bildung und qualifizierte Arbeit für geflüchtete Menschen ermöglichen!». Unterschreibt jetzt 

 

*Name der Redaktion bekannt