Interview mit Prof. Dr. Andrea Bieler, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Basel. Sie unterstützt den Verein Offener Hörsaal Basel* als Beirätin und engagiert sich in der Community of Practice für chancengerechten Hochschulzugang**, die von Perspektiven-Studium ins Leben gerufen wurde.

 

Frau Bieler, Sie engagieren sich als Beirätin des Offenen Hörsaals Basel. Weshalb?

Als Professorin an der Universität Basel empfinde ich eine besondere Verpflichtung und ein besonderes Interesse für Studierende, die als Geflüchtete hier in der Schweiz ankommen. Die Fragen, welche Chancen sie haben, sich an der Universität Basel zu integrieren und ihren Studienfächern nachzugehen, begleiten mich. Deshalb unterstütze ich die Initiative, die es von studentischer Seite gibt ­– den Offenen Hörsaal – und denke, sowohl meine Berufsgruppe als auch die Universitätsleitung sollten sich der Thematik aktiv annehmen. 

Sie sprechen von einer besonderen Verpflichtung gegenüber geflüchteten Studierenden. Was meinen Sie damit?  

Die Universität hat es sich zur Aufgabe gemacht, Diversität nicht nur auf das Thema Gender zu beziehen. Diversität umfasst in diesem Sinne auch die Frage, wie wir als Universität geflüchtete Menschen sinnvoll unterstützen können, damit sie ihren Qualifikationen nachgehen und hier in der Schweiz partizipieren können. 

«Es ist eine Realität, dass Menschen nach Europa kommen – müssen oder wollen – weil sie um ihr Leben bangen, weil sie politisch verfolgt sind oder weil sie absolut keine Lebensmöglichkeit in ihrem Land sehen. Als moderne, weltoffene Universität, die sich dem Humanismus verpflichtete fühlt, sollten wir diese Situation proaktiv angehen.» 

Diversität ist für mich aber auch eine Frage des Lehrkörpers. Wir wissen, wie demotivierend es für Studierende mit Migrationshintergrund ist, wenn sie nie erleben, dass auch Professor*innen ihrer Community hier lehren. Weil wir kaum Diversität im Studium haben, haben wir sie auch im Lehrkörper nicht. Da haben wir eine grosse Aufgabe vor uns. Und ich möchte da gerne einen Beitrag leisten.  

Beim Zuhören wird klar, wie sehr Ihnen die Thematik am Herzen liegt. Wo sehen Sie die Chancen einer Diversifizierung?  

Ich denke, dass wir auf allen Ebenen von einer Diversifizierung profitieren würden. Ich bin Professorin für christliche Theologie. Man kann Theologie nicht mehr studieren, ohne über Diversität nachzudenken: interreligiöser Horizont, interkonfessioneller Horizont – mit Muslim*innen, mit Christ*innen aus anderen Ländern und Kulturräumen. Wir müssen unsere Seminarräume diversifizieren, um uns global auszutauschen und verstehen zu lernen. Es ist ein grosser Schatz, sich beispielsweise mit Menschen aus Syrien zu unterhalten – Muslim*innen und Christ*innen. Viele haben ein grosses Wissen über religiöse Zusammenhänge, das wir hier nicht mehr haben. In Syrien leben die ältesten christlichen Gemeinden weltweit. Dieser Reichtum, der aus dem Austausch erwächst, gilt genauso für andere Fächer.  

«Wir müssen lernen, uns als Universität als Weltgemeinschaft zu verstehen – und nicht in abschottungspolitischen Parametern zu denken.» 

Die Universität als Weltgemeinschaft – was wünschen Sie sich von der Universität Basel diesbezüglich?  

Ich wünsche mir, dass wir als Universität sagen können: Wir haben so und so vielen geflüchteten Menschen die Möglichkeit gegeben, hier aufgenommen zu werden, eine gute Ausbildung abzuschliessen, sich hier einzubringen oder mit dem hier gewonnen Wissen ihr Land wieder aufzubauen. Wir haben einen Beitrag zur Zukunftsentwicklung geleistet!  

In Deutschland und an einigen Schweizer Universitäten existieren bereits Projekte, um studentische Geflüchtete ins Studium zu begleiten. In Deutschland habe ich eine Familie aus Syrien begleitet, deren Tochter Pharmazie und der Sohn Medizin studiert haben und die auch in Deutschland an der Uni aufgenommen wurden. Das wünsche ich mir auch an der Universität Basel. Ich bin frohen Mutes, dass an der Universität Basel eine Offenheit für die Themen Internationalisierung und Diversität existiert. Dies müssen wir nutzen. 

Die Universität Basel befindet sich zudem in einem Kanton, der selbst von einer hohen Diversität geprägt ist und sich damit ja auch schmückt. Es wäre essentiell, dass diese Diversität auch in der Forschung angesprochen wird. Ich wünsche mir deshalb ein transdisziplinäres Zentrum für Migration, dass sich damit auseinandersetzt, wie wir die Realitäten reflektieren, die uns umgeben.  

 Was wäre denn eine Antwort auf die Situation, dass viele studentische Geflüchtete hier in der Schweiz nicht zum Studium zugelassen werden?  

Die Regeln für die Zulassung für internationale Studierende – ob für Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete – sind sehr rigide. Ich halte die Maturitäts-Äquivalenz für zu unproduktiv. Stattdessen wünsche ich mir einen flexibleren Mechanismus, der sich stärker auf die einzelnen Biografien einlässt und den Studierenden, die hierherkommen, stärker gerecht wird. Ich wünsche mir, dass ich als Professorin bei der Frage, ob eine Person für ein Studienfach geeignet ist, Mitsprache habe. Fachliche Prüfungen, die die Kompetenzen der Bewerber*innen einstufen, wären ein möglicher, kreativer Lösungsansatz. 

 

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch! 

 

Das Gespräch fand im Herbst 2020 in Basel statt. 

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Zur Person

Prof. Dr. Andrea Bieler ist seit 2017 Professorin für Praktische Theologie an der Universität Basel und leitet das vom SNF geförderte Projekt: Conviviality  in Motion. Exploring Theologies and Practices of Multiethnic Churches in Europe. Sie hat in Marburg, Amsterdam und Hamburg studiert und unter anderem in Göttingen, Berkeley (2000-2012) und Wupperthal/Bethel (2012-2016) doziert.  

 

*Offener Hörsaal Basel

Der Offene Hörsaal Basel ist eine studentische Initiative und begleitet geflüchtete Menschen auf ihrem Weg ins Studium. Mehr Informationen

 

**Community of Practice für einen chancengerechten Hochschulzugang von studentischen Geflüchteten

Seit 2016 haben in der Schweiz über 600 Geflüchtete an Gasthörer*innen-Projekten an diversen Hochschulen teilgenommen – nur 135 konnten sich regulär immatrikulieren. Der Grund dafür? Die Zulassungshürden der Hochschulen (Sprache, Diplome, Finanzierung) erschweren die (Wieder-) Aufnahme oder Anerkennung eines Studiums. Ebenso ist der tertiäre Bildungsweg im Integrationsprozess für qualifizierte Geflüchtete grundsätzlich nicht vorgesehen. Eine Community of Practice verstärkt den Austausch zwischen Akteur*innen aus den Bereichen Integration, Bildung und Politik, um studentischen Geflüchteten gemeinsam einen chancengerechten Hochschulzugang zu ermöglichen. Sie fühlen sich angesprochen? Melden Sie sich bei uns: perspektiven-studium@vss-unes.ch